Offener Brief an Sabine

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin,
sehr geehrte Frau Anemüller,

Im Herbst des vorigen Jahres haben Sie unter großer Anteilnahme der hiesigen Presse Ihren Parteifreund Günter Thönnessen im Amt des Bürgermeisters beerbt. Es ist Ihnen sicherlich gelungen, nachdem Sie sich von Ihrem „Erdrutschsieg“ (RP vom 28.09.2015)erholt haben, sich in Ihr neues „wohlbestelltes Haus“ gut einzuleben, um die vom Wähler in Sie „gesetzten Erwartungen zu erfüllen“ –so ist es auf Ihrer Homepage zu lesen.

Mit meinem jetzigen Schreiben muß ich Sie aber wieder auf den Boden der trivialen Alltagswirklichkeit zurückholen.
Seit 22 Jahren habe ich ein mexikanisches Restaurant mit Erlebnisgastronomie an der Bruchstraße in Viersen, genau jenem Stadtteil also, der nach dem aufwändigen Gutachten der Stadt Viersen „Perspektive Südstadt“ aus dem Jahre 2009 (Kosten hierfür im oberen fünfstelligen Bereich!) besonders gefördert werden soll.

„Südstadt Viersen-Hier ist Leben drin“, liest man auf der Internetseite des Südstadtbüros….dem ist leider aber nicht so:
Der Gereonsplatz habe sich zu „einem ansprechenden Ort entwickelt, an dem das Leben pulsieren…kann“ (RP.Online vom 20.01.16): es pulsiert leider wenig, denn zwischenzeitlich sind fast alle unmittelbar am Gereonsplatz gelegenen
Gastronomiebetriebe geschlossen oder werden dies bald sein.
Eine Arbeit des Kompetenzzentrums Social Design (!!) der Hochschule Niederrhein (Professor Nicolas Beucker) , die Ihnen und Ihrem eigenem Kompetenzteam sicherlich bekannt ist, spricht davon, in der Viersener Südstadt „Utopien wirklichkeitsnäher werden zu lassen“. Offensichtlich im Sinne einer konstruktiven Utopie, von der wir heute, im März 2016, leider noch sehr weit entfernt sind!

In den letzten Jahren ist es mir gelungen, mein eigenes Restaurant erfolgreich zu behaupten; mein Wunsch ist es sogar, mein Restaurant durch Außengastronomie zu erweitern. Übrigens auch ein kleiner Schritt, um durch Einstellung zusätzlichen Personals neue Arbeitsplätze in der Südstadt zu schaffen (Ladenleerstand auf der Großen Bruchstraße 2009 über 25%). Trotz Antragstellung um Nutzung oder Teilnutzung einer Fläche gegenüber meinem Restaurant (Ecke Königsallee / Große Bruchstraße) im Februar 2015 erhielt ich nach Zahlung der Bearbeitungsgebühr erst im Mai eine Antwort: Leider abschlägig. Eine Diskussion hierüber kam nie zustande.
Da die Gedankengänge Ihrer Mitarbeiter für mich nicht unmittelbar einsichtig waren (beziehungsweise fehlten) und auch den oben genannten optimistischen Gedanken der Stadtentwicklung diametral gegenüberstanden, stellte ich einen Antrag auf Akteneinsicht…diese wurde mir schließlich gewährt.

Die Argumentation der Stadt Viersen (Fachbereich Bauen und Umwelt) war, daß die Fördergelder des Landes für die Sanierung der Fläche gegenüber meinem Restaurants hätten zurückgezahlt werden müssen, würde ich die Fläche in den Sommermonaten nutzen. In einer zwei Wochen später erfolgten Stellungnahme der zuständigen Stelle in Düsseldorf war aber zu lesen, die Zulassung der Gastronomie sei „rechtlich und fördertechnisch unproblematisch“, würde lediglich ein Teil der Grundfläche genutzt. Die an die fördermittelgebundene Zweckbestimmung sei dann ja gewährleistet.

Also: Düsseldorf sagt „Ja“, Viersen sagt „Nein“….Warum??

„Einzelne kleine Plätze sind schlecht genutzt, aufgrund mangelnder Ausstattung oder ungenauer Funktionsbestimmung unbeliebt und verlassen.“ (So oben angeführte Studie zur Entwicklung der Südstadt). Genau um solch einen Platz geht es doch gerade! Zudem lasse die „Außendarstellung“ der gastronomischen Bertriebe “Handlungsbedarf“ erkennen. Die „Förderung… qualitativ hochwertiger Gastronomiebetriebe“ sei Ziel. „Erweiterung und Vielfalt von…Gastronomie durch Schaffung neuer Anreize soll erfolgen.

Mein Konzept zur Teilnutzung (!) der Fläche sah vor: Eine Open-Air-Mezcalleria, gestaltet von einem italienischen Architekten nach dem Transformationsprinzip; international renommierte Wandkünstler aus Mexico, die bereits in London gearbeitet hatten, hätten unentgeldlich Ihre Performance gezeigt. Bestuhlung und übriges Mobiliar waren bereits durch Eigenmittel bereitgestellt worden. Befragungen meiner Gäste stießen auf beste Resonanz!

Von Seiten der Stadt Viersen: Ablehnung, keine Reaktion!
Merkwürdig: Herr Thönessen meint noch 2009 in „Perspektive Südstadt“, er „freue“ sich darauf, mit „engagierten Bürgerinnen und Bürgern…die Lebensqualität der Viersener Südstadt zu sichern“.

Im Gegensatz zu Ihrem Amtsvorgänger, der es offensichtlich nicht für nötig hielt, mit uns in Kontakt zu treten, hoffe und erwarte ich von Ihnen: Treten Sie mit uns in eine offene Diskussion, werden Sie aktiv und helfen Sie uns bei der Weiterentwicklung, auch im Sinne der Südstadt!

Die Misere der Südstadt ist zumindest teilweise auf Untätigkeit oder fehlendes Engagement seitens der Ämter und Behörden zurückzuführen, so habe ich es jedenfalls erlebt. Möglicherweise spielt hier aber auch eine gewisse Phantasielosigkeit oder Angst vor Veränderung eine Rolle

(nicht die Dinge sind es, die uns beunruhigen, sondern die Gedanken über die Dinge, wie Epiktet meinte).

Verharren Sie bitte nicht im elfenbeinernen Turm jener selbsternannten politischen Eliten, die ihre Bürgernähe verloren haben. Keine kostenintensive Studie, sondern vielmehr sich mit eigenen Augen vor Ort überzeugen, kann Erkenntnis bringen: Sie sind eingeladen die Dinge vor Ort mit uns zu diskutieren.

Frau Bürgermeisterin, geben Sie sich einen“ Ruck“, Sie sind herzlich eingeladen !


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